Geschichte der Jüdischen Gemeinde in Fürstenberg (Oder)

Einen ersten Hinweis über die Anwesenheit von Juden in der Oderstadt Fürstenberg liefert die Stadtchronik aus dem Jahr 1755. Demnach gab es hier zu diesem Zeitpunkt 253 Häuser und Brandstellen, die sich auf das Töpfer-, Juden-, Oder- und Kietzviertel verteilten.
Unter den 2.360 Einwohnern, die 1859 in der Stadt lebten, waren laut Riehl und Scheu 31 Katholiken und neun Juden. Und diese besaßen außerdem einen eigenen Betsaal. Wo sich dieser jedoch befand, ist unklar. Das Königliche Statistische Bureau Preußens zählte in Fürstenberg am 1. Dezember 1871 insgesamt 2.753 Einwohner, darunter 2651 Evangelische, 66 Katholiken und 36 Juden.
Im Jahr 1890 lebten im Landkreis Guben (ohne die Stadt Guben) insgesamt 75 Juden unter 42.431 Einwohnern. Allein im dazugehörigen Fürstenberg waren von den 4.021 Einwohnern 43 jüdisch. Bis 1925 hatte sich hier die Zusammensetzung der Bevölkerung weiter verschoben. Von den 45.708 Einwohnern im gesamten Landkreis gehörten nur noch 55 Personen der jüdischen Gemeinschaft an. Mit einem Anteil von 0,12% bildeten sie damit eine absolute Minderheit.
Dennoch haben in Fürstenberg mehr als zehn jüdische Männer gelebt, da sie am 7. März 1928 aus der Synagogengemeinde zu Guben austraten und mit ihren Familien ihre eigene Jüdische Gemeinde Fürstenberg a./ Oder gründeten. Vorausgegangen war diesem Akt ihr 1926 erstmals öffentlich geäußertes Begehren nach Eigenständigkeit.
Ohnehin besaßen sie bereits einen Betsaal im Ort, der ihnen zudem kurze Wege ermöglichte. Da es zu Beginn der 1930er Jahre in Fürstenberg 13 jüdische Steuerzahler gab, kann man von einer Gemeindegröße von ca. 50 Mitgliedern ausgehen, also von ca. zehn Familien. Zum Gemeinde-Vorsteher wurde der Kaufmann Isidor Baron gewählt, der in Fürstenberg schon mehrere kommunale Ämter ausübte und sogar als Stadtverordneter wirkte. Für dieses Engagement erhielt er bald so große Anerkennung, dass ihn die Stadt zum Ehrenbürger ernannte.
Allerdings wurde die Gemeinde durch das NS-Regime schon 1936 zur Selbstauflösung gezwungen. Die meisten Gemeindemitglieder verließen die Stadt in Richtung Berlin oder Frankfurt oder emigrierten ins Ausland. Die noch in Fürstenberg Verbliebenen – Edith Abraham, Pauline Glaser, Arthur und Elsa Klein, Vera Felicitas Klein, Heinrich Lewin sowie Hannchen Loebel – wurden zwischen April 1942 und November 1943 nach Auschwitz, Warschau und Theresienstadt deportiert und ermordet. Gleichzeitig, also seit Anfang 1942, wurden ca. 500 polnische Juden aus dem Ghetto Lodz nach Fürstenberg gebracht, die bei der Degussa AG und im Märkischen Elektrizitätswerk bis Sommer 1943 schwerste Zwangsarbeit verrichten mussten. Siegfried Fellert, der aufgrund seiner Ehe mit der Nichtjüdin Emma Fellert vor der Deportation geschützt war, entschied sich indes, mit seiner Frau in Fürstenberg unterzutauchen. Beide wurden jedoch im Februar 1945 entdeckt und sofort erschossen.
Umso bemerkenswerter ist, dass zwei Überlebende ihrer Familie nach dem Krieg nach Fürstenberg zurückkehrten und abermals ein Textilgeschäft im Ort betrieben. Bereits 1946 wurde die Straße, in der sich Emma und Siegfried versteckt hatten, in Fellertstraße umbenannt. Am 28. Juli 2005 verlegte Gunter Demnig in der Königsstraße 61 zwei Stolpersteine, die an den letzten freiwilligen Wohnort der beiden erinnert. Eine weitere Straße im Stadtteil Fürstenberg trägt den Namen ihres Ehrenbürgers, Isidor Baron.
Anke Geißler-Grünberg
Quellen, Literatur und Internet
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