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Grenzgänger – Sonderforschungsbereich untersucht, wie flexibel Sprache wirklich ist

Sprache hilft dank ihrer Variabilität, Brücken zu bauen. Bild: Fotolia/hurca.com.

Sprache hilft dank ihrer Variabilität, Brücken zu bauen. Bild: Fotolia/hurca.com.

Ein Berliner Wochenmarkt an einem Freitagmorgen. Wer am Neuköllner Maybachufer einkauft, macht eine kleine Weltreise. Zumindest klingt es so: Fetzen verschiedenster Sprachen fliegen an den Ständen hin und her. Und doch verstehen die Menschen einander. Meistens jedenfalls. Mittendrin ist ein Team von Potsdamer Sprachwissenschaftlern um die Germanistin Heike Wiese. Sie untersuchen, warum die Verständigung trotz der scheinbar babylonischen Sprachenvielfalt gelingt. Und welche Strukturen Sprache auf einem Wochenmarkt besitzt, selbst wenn sie auf den ersten Blick regellos zu sein scheint. Das Forschungsprojekt ist Teil des neuen Sonderforschungsbereichs (SFB 1287) an der Universität Potsdam, der sich den „Grenzen der Variabilität in der Sprache“ widmet. Und zwar aus verschiedenen Perspektiven. Die Sprecherin des SFB, Prof. Dr. Isabell Wartenburger, und ihr Stellvertreter, Prof. Dr. Malte Zimmermann, geben im Interview einen Einblick in die Hintergründe und Ziele des SFB.

Der SFB widmet sich den Grenzen der Variabilität von Sprache. Was ist damit gemeint?

Wartenburger: Was Menschen in welchen Situationen sagen, hängt von vielen Dingen ab. Das gilt ebenso dafür, wie wir Äußerungen verstehen und interpretieren. Damit das geht, muss Sprache variabel sein. Und diese Variabilität gibt es auf allen Ebenen: der Bedeutungsebene, der Syntax, also dem Satzbau, und sogar der phonetischen Ebene. Jeder Satz ist ein bisschen anders, je nachdem, mit wem ich worüber spreche. Ich kann noch nicht einmal einen Laut zweimal genau gleich aussprechen. Gleichzeitig gibt es gewisse Grenzen. Ich kann nicht alles machen. Mein Laut A muss sich schon immer ungefähr so anhören, wie ein A sich anhört. Sonst kommt es bei Zuhörern nicht richtig an und ich werde nicht verstanden. Im SFB schauen wir uns diese Grenzen der Variabilität auf möglichst unterschiedlichen Ebenen genauer an, um herauszufinden, was ihnen gemeinsam ist – und worin sie sich unterscheiden. Auf diese Weise werden wir etwas darüber lernen, wie Sprache eigentlich funktioniert. Und wie es sein kann, dass wir Sprache derart flexibel einsetzen können.

Zimmermann: Man muss dazusagen, dass die theoretische Sprachwissenschaft lange von der Fiktion
ausging, es gebe „die eine Sprache“ – also das Deutsche oder das Englische oder das Französische. Und, dass es in der Linguistik darum geht, die Regeln für diese Sprache, die abstrakten Repräsentationen, zu identifizieren. Ergebnis ist ein relativ starres System von Schwarz und Weiß, in dem ein Satz entweder grammatisch ist oder eben nicht. Gleichzeitig hat man auch in der theoretischen Linguistik eigentlich schon immer gewusst, dass das nicht ganz stimmt. Dass Sprache flexibler ist. Und darum geht es in diesem SFB. Die Frage: Wie weit kann man Sprache dehnen, ohne dass sie unverständlich wird? Ein populäres Beispiel für diese Diskussion ist das Kiezdeutsche. Lange verunglimpft, konnten Forschende wie unsere Kollegin Heike Wiese inzwischen zeigen: Das ist kein Kauderwelsch. Ja, es ist anders als Schuldeutsch, aber es hat Regeln. Und wenn einer sagt „Ich gehe Kudamm“, dann versteht das auch jeder Sprecher des Standarddeutschen.

Wozu dient die Variabilität von Sprache?

Zimmermann: Sprache muss variabel sein, um ihren Zweck zu erfüllen. Zum einen nutzen wir Sprache wie ein Werkzeug – mit sehr verschiedenen kommunikativen Zielen. Diese erreichen wir nur, wenn unser Werkzeug vielseitig einsetzbar ist. Zum anderen dient die Flexibilität der Effektivität. Jeder Mensch hat andere Grundvoraussetzungen beim Sprechen: Stimmmodulation, Stimmhöhe, Deutlichkeit usw. Solche Unterschiede müssen tolerierbar sein. Sonst würden wir ständig fragen: „Was meinst du?“ Sprache würde als starres System nicht so gut funktionieren. Wir müssen Abweichungen von der Norm zulassen und trotzdem verstehen können.

Wo hat diese Variabilität Grenzen?

Zimmermann: Jede Sprache hat eine Norm, also etwa das Standarddeutsche. In vielen Situationen sind, wie schon gesagt, Abweichungen von dieser Norm zulässig. Auch systematisch. Zugleich gibt es Regeln in diesem System, von denen wir sagen würden, dass sie nicht verletzbar sind. Wenn etwa Kinder eine Sprache lernen und sie kommen in die Phase, in der sie die Beugung von Verben lernen, kommt es vor, dass sie regelmäßige Endungen an unregelmäßige Verben anhängen. Sie haben erkannt, dass es in der Sprache Regeln der Wortbeugung gibt und wenden diese Regeln dann auf alle Verben an. Da heißt es schon mal „ich esste“ oder „ich gehte“. Wenn sie genug Feedback bekommen, lernen sie dann schnell, dass das nicht passt. Aber der umgekehrte Fall – dass sie ein regelmäßiges Verb falsch bilden – kommt nicht vor.

Wartenburger: Genau. Ähnlich ist es mit der Syntax: Im Deutschen gibt es viele Möglichkeiten für die Wortstellung. Aber manche gibt es eben nicht. Spannend ist es dann etwa zu schauen, ob sich diese Grenzen auch dort wiederfinden, wo die Möglichkeiten zur Variation regelmäßig ausgeschöpft werden. Auf dem Wochenmarkt etwa, wo Menschen in verschiedenen Sprachen oder auch Sprachgemischen miteinander sprechen. Das Projekt von Heike Wiese im SFB untersucht genau das. Sie und ihr Team schauen: Was wird gesprochen? Was ist legal? Die Vermutung: Selbst auf diesem Wochenmarkt gibt es bestimmte Regeln, die nicht gebrochen werden. Und zwar automatisch. Die Sprecher überlegen sich das ja nicht bewusst. Das wäre dann so eine Grenze der Variabilität, wo Sprache einen festen Parameter hat, der sich nicht so schnell umstoßen lässt. Egal, ob auf dem Wochenmarkt oder im Hörsaal.

Wofür werden diese Grenzen gebraucht?

Zimmermann: Ohne die Grenzen der Variabilität wären Sprachsysteme vermutlich nie entstanden. Sprache hat sich herausgebildet, um größere soziale Zusammenhänge besser zu koordinieren. Damit das funktioniert, brauchen die Sprecher einer Sprache einen gemeinsamen Rahmen: ein konventionalisiertes Regelsystem, eine unbewusste Übereinkunft zum sprachlichen Handeln, die jeder Sprecher verinnerlicht hat und die nicht völlig beliebig und relativ stabil ist. Andererseits ist dieser Rahmen nicht so fest, wie Linguisten es lange gedacht haben. Denn letztlich existiert Sprache in der Interaktion zwischen den Sprechern – und dort verändert sie sich auch. Das wiederum passiert nicht einfach so. Es steht nicht jemand morgens auf und sagt: Ach, ich stell jetzt das Subjekt im Satz immer systematisch um. Das fängt irgendwie an, und wenn genügend Sprecher es machen, setzt es sich durch. Es gibt aber auch ganz andere Ursachen: Im Altisländischen gab es zum Beispiel lange zwei variable Wortstellungen von Verb und Objekt: Objekt vor Verb oder Verb vor Objekt. Eine ähnliche Variation in der Wortstellung findet sich übrigens auch im Deutschen noch zwischen Neben- und Hauptsätzen. Im frühen 17. Jahrhundert fielen dann viele ältere Sprecher des Isländischen einer Pockenepidemie zum Opfer.Gleichzeitig wurde die Fremdsprache Dänisch mit strikter Wortstellung Verb vor Objekt als Verwaltungssprache dominanter, sodass sich das Sprachsystem der folgenden Generationen auf Verb vor Objekt einpendelte. Daher blieb, bedingt durch außersprachliche Faktoren, eine Variante übrig, die dann zur Norm wurde.

Wartenburger: Genau solche sprachhistorischen Veränderungen werden im SFB auch untersucht. Ulrike Demske und Claudia Felser schauen sich an, warum bestimmte Strukturen aus dem Frühneuhochdeutschen ausgestorben sind und andere bis heute bestehen. Das Spannende: Sie testen die ausgestorbenen Formen mit heutigen Sprechern, um herauszufinden, ob unser Gehirn sie als legitim „akzeptiert“ oder als unnötig kompliziert „aussortiert“. 

War Sprache früher variabler als heute?

Wartenburger: Jein. Sicher gab es im Frühneuhochdeutschen sprachliche Möglichkeiten, die im Laufe der Jahrhunderte verschwunden sind. Die Menschen wurden mobiler. Es gab mehr Sprachkontakt, der wiederum die Variabilität förderte. Von den vielen Möglichkeiten haben sich dann einige als effizienter als andere erwiesen und Eingang in Regelwerke gefunden. Aber wenn jetzt Sprecher verschiedener Sprachen auf dem Wochenmarkt kommunizieren, beweist Sprache erneut ihre Flexibilität. Oder auf ganz anderen Kanälen, etwa im Internet über Blogs, Twitter, Facebook und Co, deren Sprachformen im Projekt von Tatjana Scheffler und Manfred Stede untersucht werden. Dort werden sprachliche Formen und Strukturen ausprobiert und auch akzeptiert, von denen man vor zehn Jahren gesagt hätte, dass sie nicht möglich und gänzlich ungrammatisch seien. Das ist eine Art Kreislauf.

Zimmermann: In diesem zyklischen Wandel gibt es immer Phasen, in denen zwei konkurrierende Varianten existieren, ehe sich eine davon durchsetzt. Das lässt sich sehr gut an der französischen Verneinung zeigen: Laut Grammatik erfolgt die Verneinung mit den zwei Teilen „ne“ und „pas“. Dazwischen steht das finite Verb. Laut Prognose wird die „ne pas“-Variante verschwinden, es bleibt bei „pas“. Im Deutschen war das übrigens auch so. Noch im Mittelhochdeutschen gab es zusätzlich zum adverbialen „(n)icht“ in negativen Sätzen ein kleines negatives Beiwort am Verb – analog zum französischen „ne“. Tatsächlich entstehen durch neue Anforderungen im Sprachkontakt immer neue Varianten. Diese werden dann aus Gründen der Effizienz und der Konventionalisierung wieder abgebaut. Das läuft normalerweise alles unbewusst.

Sind für Sie als Forschende die Grenzen oder die Variabilität spannender?

Zimmermann: Lacht. Die Grenzen. Ganz klar.

Wartenburger: Das sehe ich auch so. Zumal die Variabilität schon recht gut erforscht ist. Was unseren SFB auszeichnet, ist, dass wir durch die vielen Projekte aus ganz verschiedenen Perspektiven schauen. Die einen gehen auf den Wochenmarkt und untersuchen den dortigen Sprachgebrauch mit soziolinguistischen Methoden. Andere interessiert, was das Gehirn macht – und analysieren dafür die Augenbewegungen beim Lesen. Anschließend wollen wir – und das ist das Spannende – die Ergebnisse zusammenführen, um zu sehen, wo es Verbindungen, Zusammenhänge und Gemeinsamkeiten gibt. 

Sind denn die Grenzen schwerer zu finden?

Zimmermann: Ja, denn sie sind nicht so starr, wie sich die theoretische Linguistik sie lange vorgestellt hat. Variationen lassen sich tatsächlich einfach empirisch finden und beschreiben. Da geht man mit einem Aufnahmegerät los und stellt fest: Die Menschen in Dorf A sprechen anders als die in Dorf B. In gewisser Weise ist das trivial und wurde auch von theoretischen Linguisten lange belächelt. Interessant wird es wieder, wenn man beides zusammenbringt – die empirische Untersuchung der Variabilität und die theoretisch rekonstruierbaren Strukturen, die sie begrenzen.

Wartenburger: Jedes Projekt im SFB versucht, diese Grenzen empirisch oder experimentell herauszuarbeiten. Die Variabilität so weit zu treiben wie möglich und dann zu schauen: Ok, bis hier hin geht es, aber nicht weiter.

Die Forschungsprojekte des SFB sind in drei Clustern organisiert. Was macht diese aus?

Wartenburger: Cluster A schaut sich die sprachliche Variabilität und ihre Grenzen in Situationen von Sprachkontakt und Interaktion an. Welche Variabilität sehen wir in solchen Situationen? Wie hat sie sich historisch entwickelt? Was machen die heutigen Sprecher mit diesen nicht mehr standardsprachlichen Strukturen? Und wie variabel sind Menschen in ihrem Sprachgebrauch? Also wie unterscheidet sich unser Sprachgebrauch – wenn ich jetzt hier sitze, ein Interview gebe, eine E-Mail schreibe, Twitter nutze oder auf dem Wochenmarkt einkaufe …

Zimmermann: Das umfasst im weitesten Sinne die soziale Funktion von Sprache. Cluster B deckt die biologisch-kognitive Komponente ab. Wie verarbeiten Menschen Sprache in unterschiedlichen Situationen? Oder je nach ihren kognitiven Voraussetzungen – also Säuglinge und kleine Kinder, Menschen mit Aphasie, Menschen, die zweisprachig aufwachsen usw. Cluster C ist Grammatiktheorie. Da geht es um dieses vermittelnde System zwischen dem einzelnen Sprecher und dem zwischenmenschlichen Konstrukt einer Grammatik. Bislang sind grammatische Modelle noch nicht so gut in der Lage, die sprachliche Flexibilität zu erfassen. Unser Ziel ist, durch die Verbindung der empirischen Daten mit den theoretischen Modellen das mentale System Sprache besser zu erfassen und zu beschreiben. Das ist auch etwas, was die Gutachter der DFG überzeugt hat, denke ich.

Wartenburger: Die Ebenen zu verknüpfen, ist für uns wesentliches Prinzip. Letztlich könnte fast jedes Projekt auch in einem der anderen Cluster angesiedelt sein. Beispielsweise versuchen Gisbert Fanselow und Reinhold Kliegl, Leuten verschiedene syntaktische Strukturen beizubringen, die nicht dem Standarddeutschen entsprechen. Dabei interessieren sie sich natürlich für die Grenzen: Welche Strukturen kann ich lernen und wo sagt mein Gehirn: „Nein, das ist vollkommener Quatsch! Das reproduziere oder akzeptiere ich nicht.“? Mit genau diesem Ansatz oder dem Ergebnis dieser Untersuchung könnte man auch auf einen Wochenmarkt gehen und schauen: Tauchen die inakzeptablen Strukturen auf diesem Wochenmarkt auf? Und wie gehen Sprecher damit um, wenn sie sie hören? Was machen das Gehirn, die Augen? Das eigentlich Schöne daran ist, dass die Projekte sich alle verknüpfen lassen und voneinander profitieren können. Dabei hilft enorm, dass es ein fast rein Potsdamer SFB ist. Wir treffen uns häufig, reden miteinander. Das ist ein großer Vorteil gegenüber anderen SFBs, die viele voneinander entfernte Standorte haben.

Was untersuchen Sie in Ihren eigenen Projekten?

Wartenburger: Im Projekt von Sandra Hanne und mir geht es um die Schnittstelle von Syntax und Prosodie. Die Sprachmelodie kann eine wichtige Rolle dabei spielen, wie wir einen Satz interpretieren. Nehmen wir den Satz: „Die Mutter küsst das Kind.“ Je nachdem, wie ich ihn ausspreche, kann ich die Rollen darin vertauschen. Wir untersuchen, wie – jüngere und ältere – Probanden solche prosodischen Hinweisreize realisieren, wenn wir sie in verschiedenen Settings testen. Beispielsweise sprechen sie die Sätze für einen Zuhörer, der schon älter ist, zu einem Kind oder in einer lauten Umgebung. Und schließlich wollen wir schauen, ob die Prosodie Menschen mit Sprachstörungen, etwa Aphasie, helfen kann, die Sätze besser oder schneller zu verstehen. Etwa indem man die prosodischen Hinweisreize verstärkt. Das könnte letztendlich einen ganz praktischen Nutzen haben, etwa in der Sprachtherapie.

Zimmermann: Bei mir und Alexander Koller, der inzwischen an der Universität des Saarlandes ist, geht es um die Grenzen der Variabilität in der semantischen Interpretation, also wie wir Gesagtes letztlich verstehen. Im Kern wollen wir herausfinden, ob der Interpretation von Aussagen Grenzen gesetzt sind – und zwar durch syntaktische Strukturen. Ein Beispiel ist die Interpretation von Sätzen mit zwei quantifizierenden Ausdrücken, etwa: „Ein umgestürzter Baum blockiert jede Zufahrtsstraße.“ Das englische Gegenstück hat eine Lesart, nach der jede Straße durch einen anderen Baum blockiert ist. Für das Deutsche ist das strittig. Wir wollen mit empirischen quantifizierenden Methoden herausfinden, wie die Situation im Deutschen, Englischen und in der westafrikanischen Sprache Akan wirklich ist. Wenn es Unterschiede gibt, müssen sie im Sprachsystem begründet sein, da wir uns die Situation, die durch die relevante Lesart beschrieben wird, ohne Weiteres vorstellen können.

Zu den 13 Teilprojekten kommt ...

Wartenburger: ... ein internes Graduiertenkolleg, das von Tatjana Scheffler geleitet wird und dafür sorgt, dass die Nachwuchswissenschaftlerinnen und Nachwuchswissenschaftler eine strukturierte Doktorandenausbildung bekommen. Und sie können sich so besser vernetzen – mit eigenen Veranstaltungen, von Retreats bis zu Gastvorträgen, für die sie sich selbst Leute einladen oder Vorschläge machen. Außerdem gehört zum SFB das Q-Projekt von Shravan Vasishth und Ralf Engbert für Service- und Informationsinfrastruktur, das der Qualitätssicherung dient. Darüber werden die einzelnen Projekte beraten, z.B. bei der statistischen Analyse und der Datenerhebung, aber auch hinsichtlich des Datenmanagements und der Sicherung guter wissenschaftlicher Praxis.

Zimmermann: Gerade durch das Q-Projekt bekommen die Promotionsstudierenden in methodischer Hinsicht eine exzellente Ausbildung. Vielleicht die beste in der Linguistik in Deutschland.

Ein Blick zurück: Wie ist der SFB entstanden?

Wartenburger: Über sehr, sehr viele Jahre ….

Zimmermann: Nach dem Ende des SFB Informationsstruktur gab es an vielen Stellen in der Uni den Wunsch nach einem neuen SFB. Auch bei uns, immerhin ist hier eine ganze Studierendengeneration mit diesem System groß geworden. Also haben wir uns zusammengesetzt und Ideen gesammelt. Das Thema musste groß genug sein, damit alle Beteiligten „darunter passten“. Es durfte aber auch nicht so vage sein, dass er eigentlich nichts mehr bedeutet. Der erste sprachwissenschaftliche SFB, in den 1970er Jahren in Konstanz, hieß noch schlicht „Linguistik“. Diese Zeiten sind vorbei …

Wartenburger: Als das Thema gefunden war, ging es an die Skizze, immerhin rund 100 Seiten. Die wurden geschrieben, gegengelesen, kritisiert, umgeschrieben, wieder gelesen, wieder kritisiert und wieder umgeschrieben … Eine erste, interne Begutachtung also. Abgegeben haben wir Weihnachten 2015. Nach der Begutachtung fuhren wir nach Bonn, stellten die Skizze vor und uns den Fragen der Gutachter. Rund zwei Monate später war klar, dass wir weitermachen durften. Und dann ging die Arbeit richtig los. Im finalen Antrag gibt es rund 20 Seiten – pro Projekt. Also wieder schreiben, gegenlesen …

Ist es schwierig, sich jahrelang reinzuhängen und gleichzeitig immer zu wissen, dass es auch nicht klappen könnte?

Zimmermann: Die Möglichkeit des Scheiterns ist eigentlich immer präsent, keine Frage. Sie ist auch real, denn die Konkurrenz um die begehrten Fördertöpfe ist groß und wir konkurrieren auf SFB-Ebene mit allen anderen Fachdisziplinen. Ich bin froh, dass uns das Gefühl, die Arbeit umsonst gemacht zu haben, erspart geblieben ist.

Wartenburger: Ja, das wäre wirklich frustrierend gewesen. Aber ich kann sagen, es haben alle Beteiligten immer mitgezogen. Es macht Spaß. Natürlich erst recht, seitdem der SFB im Juli 2017 so richtig gestartet ist. 

Wie führt man Forscher und Projekte in so einem SFB am Ende ganz praktisch zusammen?

Zimmermann: Lacht. Durch Zwang. Scherz beiseite. Es schadet nicht, das Gespräch immer wieder anzuregen. Dafür kann man auch mal neue Formate ausprobieren, wo alle die Köpfe zusammenstecken und ganz zwanglos Ideen spinnen, was man zusammen machen könnte. Daraus können dann am Ende wirklich kleinere Teilprojekte oder Ideen für eine zweite SFB-Phase entstehen.

Und wie bringt man die Ergebnisse der immerhin 13 Teilprojekte zusammen?

Wartenburger: Wir glauben nicht, dass wir am Ende ein Modell haben, mit dem man alles erklären könnte. Das wird in vier Jahren nicht zu schaffen sein. Wir haben vor zu schauen, auf welche Phänomene, Strukturen oder Themen sich diejenigen gemeinsam fokussieren können, die an einer möglichen zweiten Phase mitwirken wollen.

Die Wissenschaftler

Prof. Dr. Isabell Wartenburger studierte Psychologie an der Universität Bielefeld und promovierte 2004 an der Charité Universitätsmedizin Berlin. Seit 2013 ist sie Professorin für Patholinguistik/Neurokognition der Sprache an der Universität Potsdam.
E-Mail: isabell.wartenburger@uni-potsdam.nomorespam.de

Prof. Dr. Malte Zimmermann studiert Deutsche Sprache und Linguistik, Anglistik sowie Philosophie an der Universität zu Köln. 2002 Promotion in Allgemeiner Sprachwissenschaft an der Universiteit van Amsterdam. Seit 2011 ist er Professor für Semantik und Grammatiktheorie an der Universität Potsdam.
E-Mail: mazimmer@uni-potsdam.nomorespam.de

Das Projekt

SFB 1287 – Limits of Variability in Language
Förderung: Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) Leitung: Prof. Dr. Isabell Wartenburger (Sprecherin), Prof. Dr. Malte Zimmermann (Stellvertretender Sprecher)
Laufzeit: 2017–2021
www.uni-potsdam.de/de/sfb1287

Text: Matthias Zimmermann
Online gestellt: Marieke Bäumer
Kontakt zur Online-Redaktion: onlineredaktion@uni-potsdam.nomorespam.de