Liebe Leserinnen und Leser.
Man könnte meinen, dass Kinder die Welt ganz anders erleben als wir Erwachsene. Sie nehmen Details wahr, die wir nie entdeckt hätten – dafür scheint ihnen der Sinn fürs Große und Ganze zu fehlen. Warum sollten sie sich auch für die Schule fertigmachen, wenn sie gerade spielen, dass die Wohnung eine Burg ist und die Abstellkammer ein Verlies, in dem ein Schatz versteckt wurde? Sie trödeln, wenn die Erwachsenen es eilig haben, rennen dafür aber an einer stark befahrenen Straße los. Einen Gegenstand erfahren sie mit allen Sinnen, auch wenn das heißt, an einem Schneeball zu lecken oder sich eine Schnecke über die Hand laufen zu lassen. Sie lieben Spielzeug, das grell leuchtet, bunt ist und laute Geräusche macht. Kinder lachen im Schnitt 400 Mal am Tag, während Erwachsene es nur noch 20 Mal schaffen.
Hat die Kindheit einen Wert an sich oder ist sie eine Phase, die nur als Vorbereitung dient für das spätere Leben? Sind Kinder unfertige Erwachsene? Oder können sie vielleicht Dinge, die wir verlernt haben? Haben Kinder das Recht, über unsere Welt mitzubestimmen oder sind sie tatsächlich unmündig? Ist die Kindheit gar das gern beschworene verlorene Paradies? Wir können aus unterschiedlichen Blickwinkeln auf diese Lebensphase zwischen der Geburt und dem Eintritt in die Pubertät blicken. Fest steht, dass die meisten von uns sich im Laufe der Jugend so stark verändern, dass es ihnen nicht mehr leichtfällt, sich in die fremd gewordene Sphäre hineinzuversetzen.
Freies Spiel, Fantasie, Neugier, Lust am Lernen, intensive Emotionen wie Freude oder Wut sowie Gefühle von Sorg- und Zeitlosigkeit machen die Kindheit zu etwas Besonderem – wenn nicht Unwiederbringlichem. Im Kontakt mit Kindern können wir viel über Gefühle, auch unsere eigenen, erfahren und sind aufgefordert, Position zu beziehen, Entscheidungen zu treffen und Verantwortung zu übernehmen. Wie war es für uns, Kind zu sein? Wie fühlt es sich an, in unserer Zeit aufzuwachsen und wie wird das Leben heutiger Kinder in 20 oder 30 Jahren aussehen? Kinder können Erinnerungen an unsere Vergangenheit wecken, ihre Zukunft wird jedoch zumindest zum Teil ohne uns stattfinden. Mit ihnen sind wir im Hier und Jetzt.
In dieser Ausgabe des Universitätsmagazins lassen wir Wissenschaftler*innen zu Wort kommen, die sich mit der Kindheit auskennen. Ob Psychologie, Erziehung, Politik, Sprache, Bildung, Literatur oder Sport: Sie diskutieren aus unterschiedlichen Blickwinkeln, was Kinder brauchen, damit es ihnen gut geht, was ihre Freiheiten und Rechte sind und wie wir sie schützen können in einer Welt, die uns zunehmend komplex erscheint.
Dr. Jana Scholz