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„Uns droht das ‚Ende der Geschichte‘ von der anderen Seite“ – Alexander Wöll über das Forschungskolleg „Europäische Zeiten/European Times“ (EUTIM)

Das Bild zeigt fünf Wanduhren mit unterschiedlichen Uhrzeiten.
Photo : AdobeStock/Pavel Losevsky
Zeit ist nicht gleich Zeit – und prägt uns doch alle.

Ist Zeit überall gleich – oder prägt die Art, wie wir sie erleben, wahrnehmen und ihr auf unterschiedlichste Weise in unserer Gesellschaft und Kultur Ausdruck verleihen, selbige nachhaltig? Seit April 2021 untersucht das gemeinsame Forschungsprojekt der Europa-Universität Viadrina, der Universität Potsdam und des Forums Transregionale Studien in Berlin „Europäische Zeiten/European Times – A Transregional Approach to the Societies of Central and Eastern Europe“ (EUTIM). Das Forschungskolleg nahm dabei Narrative von Zeit und Raum an den Rändern Europas in den Blick. Gefördert wurde EUTIM vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) im Rahmen der Richtlinie zur Förderung der Regionalstudien (Area Studies) in den ersten drei Jahren mit rund 1,7 Millionen Euro. Inzwischen wurde das projekt verlängert und ist in die zweite Förderphase gestartet. Florian Dönau sprach mit dem Slavisten Prof. Dr. Alexander Wöll, der den Potsdamer Teil des Projekts leitet, über unterschiedliche Zeitvorstellungen, das Für und Wider von Zeitenwenden – und ein Halbzeitfazit des Forschungsvorhabens.

Der Titel des Forschungskollegs legt nahe, Mittel- und Osteuropa „tickten“ anders, was ihre Zeitvorstellungen angeht. Stimmt das? Wie drückt sich das aus?

Wir sind uns meist der Universalisierung der „westlichen“ Zeit nicht bewusst. In der Aufklärung, die in Frankreich ihren Ursprung hatte, änderten sich die Zeit- und Raumwahrnehmungen, die beide eng miteinander verzahnt sind. Aus historischer Perspektive hat Larry Wolff in seinem Buch Inventing Eastern Europe (1994) nachgezeichnet, wie seit der Aufklärung nahezu alle Länder östlich von Frankreich in die Kategorie „unaufgeklärt“ fielen. Das hieß konkret, nicht „auf der Höhe der Zeit zu sein“. Geografisch war Russland beispielsweise aus Sicht aller europäischer Nachbarn bis dahin ein Land des Nordens. Der Osten war immer Jerusalem. „Östliche“ alternative Zeitsysteme zur Strukturierung, Kommunikation und Ordnung der Zeit wurden so zu „primitiven“ Systemen im Vergleich mit der westlichen präzisen Uhrzeit. Dieser Osten wurde nun als ein nichteuropäischer angesehen. Man dachte ab diesem Zeitpunkt, es gäbe dort weniger brauchbare Zeitkonzepte für Wissenschaft, Technik, Schule und Wirtschaft. Die dortigen Vorstellungen zeichneten sich ja aber vielleicht durch deren Einfachheit, Robustheit und Einheitlichkeit aus. Von der westlichen Modernisierung aus sah es plötzlich so aus, als stünden diese Menschen „außerhalb“ der Zeit, im Sinne von geschichtslos. „Die Uhr, nichtdie Dampfmaschine ist die maßgebende Maschine für das moderne Industriezeitalter“, konstatiert der Technikhistoriker Lewis Mumford. Durch westliche epistemische Arroganz in Form von zeitlichen Gewissheiten über Pünktlichkeit und Fortschritt wurden und werden diese anderen Kulturen oft als minderwertig betrachtet. Ein solches Gefühl von vermeintlicher „Minderwertigkeit“ schlug immer wieder aggressiv zurück. Die Revolution 1917 hat beispielsweise die Sieben-Tage-Woche durch eine Fünf-Tage-Arbeitswoche mit zwölf Monaten zu je 30 Tagen und fünf „überjahreszähligen“ arbeitsfreien Tagen ersetzt. Dadurch wurde der christliche Sonntag als Ruhetag abgeschafft. Man wollte bei der Modernisierung aufholen. Es blieb also gerade dem Antikapitalismus vorbehalten, grenzenlos ideologisch vorzugehen. Das ist meist der blinde Fleck unserer „Postcolonial Studies“, die sich immer mehr zu Zersetzungsmitteln von Wissenschaftlichkeit entwickeln. Die Länder Mittel- und Osteuropas passen gar nicht in deren Ideologie.

Ihre Forschungsgruppe an der Uni Potsdam beschäftigt sich mit osteuropäischer Literatur. Können Sie Beispiele nennen, wie sich verschiedene Zeitvorstellungen in den von ihnen untersuchten Texten äußern?

Der großartige Roman von Sofia Andruchowytsch „Amadoka“ (auf Deutsch dreiteilig als „Die Geschichte von Romana (2023)/ Uljana (2023)/ Sofia (2024)“ erschienen) thematisiert kriegsbedingte Traumatisierung und den Verlust von identitätsstiftender linearer Erinnerung auf eine faszinierende Weise, die am Ende in einer verblüffenden Überraschung für den Leser endet. Dabei wird auch das abenteuerliche Leben des Literaturwissenschaftlers Viktor Petrov alias V. Domontovytsch (sein Pseudonym) nacherzählt. Petrov lebte nach dem Weltkrieg in München und verschwand unter unbekannten Umständen gleichsam wie in einer Zeitmaschine (à la H. G. Wells) aus Deutschland ins damals sowjetische Kyjiw. Geschickt werden hier Zeitebenen miteinander verwoben, wobei mit dem Zeitempfinden der Lesenden fantastisch gespielt wird. In unserem Sammelband zur Potsdamer Jahreskonferenz Time Out of Joint: Literary (Re)Visions of Time in Eastern and Central Europe (2022) interpretieren wir neben diesem Buch auch traumatische Zeitstörungen in ukrainischer und belarusischer gegenwärtiger Kriegslyrik von Ija Kiva, Daryna Gladun, Vasyl Machno, Oleh Kadanov, Liuba Iakymchuk, Dmitry Strotsev, Julia Cimafiejeva und anderen. An den polnischen Reportagen von Jacek Hugo-Bader in seinem Kolyma-Tagebuch (2011) kann man herausarbeiten, was konkret an der Andersheit sowjetischer Zeitvorstellungen befremdet. Die beiden tschechischen Romane Schwester (1998) und Ein empfindsamer Mensch (2017) von Jáchym Topol verwenden lyrische und dramatische Textstrategien, die den Lesenden ungewöhnlich „gegenwärtige“ Augenblicke bei der Lektüre ermöglichen. In Saša Stanišićs neuem Buch Möchte die Witwe angesprochen werden, platziert sie auf dem Grab die Gießkanne mit dem Ausguss nach vorne (2024) wehren sich die Protagonisten gegen die Zwänge der Zeit und der Autor lockt die Lesenden in das extratemporale Bündnis seiner unbehausten Außenseiter. Zeiterfahrung in dem Film Maidan (2014) von Sergej Loznitsa und in der Erzählsammlung Bieguni (Unrast, 2008) von Olga Tokarczuk beruht vor allem auf „Chunking“ (Bündelungen im Kurzzeitgedächtnis der Lesenden). Das bedeutet, dass die Zeit in diskrete Segmente oder Stücke zerlegt wird, die von einem auktorialen Erzähler so zusammengebunden werden, dass eine höhere metaphysische oder metalogische Einheit suggeriert wird, zu der wir keinen Zugang haben. So ermöglicht Literatur die Erfahrung von Transzendenz und gibt in blutigen Kriegszeiten Kraft, Durchhaltevermögen und Hoffnung.

Seit 2022 ist mit dem Begriff „Zeitenwende“ des deutschen Bundeskanzlers das Thema von unterschiedlichen Zeitperspektiven wieder auf der Tagesordnung. Erleben wir aktuell das Ende des durch Francis Fukuyama Anfang der 1990er Jahre ausgerufenen „Endes der Geschichte“?

Bislang hat mental in Deutschland überhaupt keine „Zeitenwende“ stattgefunden und es besteht eine bemerkenswerte Ahnungslosigkeit, mit welchen Strategien Russland sich aktuell in einem hybriden Krieg (zusätzlich zum blutig-realen Krieg in der Ukraine) ganz Europa unterwerfen will. Dabei spielt die beständige Beschleunigung unserer Gesellschaft, die Hartmut Rosa wohl am besten erforscht hat, im Verbund mit der rasanten Entwicklung von Digitalisierung und künstlicher Intelligenz eine entscheidende Rolle. Unsere Gesellschaft tendiert dazu, zugleich pluralistischer und postkonventionalistischer zu werden, was die Gefahr eines Auseinanderbrechens birgt. Das damit einhergehende Maß gesellschaftlicher Desintegration lässt sich nicht zuletzt als eine Folge sozialer Desynchronisation deuten: Eine solche Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen ist Ausdruck für die verschiedenen kulturellen, ethnischen und religiösen Bevölkerungsgruppen, die sich gleichsam „desynchronisiert“ nach je eigenen Gesetzen entwickeln, sodass ein „Mosaik von Zeit-Ghettos“ entstehen kann. Hartmut Rosa formuliert es so: „Wenn Familien, Berufe, Wohnorte, politische und religiöse Überzeugungen und Praktiken im Prinzip jederzeit gewechselt werden bzw. sich verändern können, dann ist man nicht mehr Bäcker, Ehemann von Y, Münchner, Konservativer und Katholik per se, sondern nur noch für Perioden von nicht genau vorhersagbarer Dauer – man ist alle diese Dinge ‚im Moment‘, d. h. in einer Gegenwart, die zu schrumpfen tendiert; man war etwas anderes und wird (möglicherweise) jemand anderer sein.“ Infolge der nahezu unbegrenzten Speicherkapazität der neuen Medien und dieser Zunahme von Phänomenen der Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen wird Räumlichkeit letztlich immer bedeutungsloser und die Zeit verliert immer mehr ihren unilinearen, orientierungsstiftenden Charakter im Sinne von Fortschritt, weil sich der Zusammenhang von Sequenzen und Chronologien progressiv aufzulösen scheint. Dies machen sich die Feinde der liberalen Demokratien kriegerisch zunutze. Timothy Snyder spricht von „Putins System der Ewigkeit“. Wenn wir uns also nicht erfolgreich gegen den Autoritarismus wehren, droht insofern jetzt das „Ende der Geschichte“ von der anderen Seite, wie Francis Fukuyama sich das damals zusammenfantasiert hatte.

Mit der Bewilligung einer zweiten Förderphase ist Halbzeit des Projekts. Zeit für eine Zwischenbilanz. Wie fällt die aus?

Ein sensationeller Erfolg ist, dass unser Postdoc Bohdan Tokarsky mit seinem Thema Vasyl Stus und die Poetik der Erschaffung des Selbst in der sowjetisch-ukrainischen modernistischen Literatur am Ende der ersten Förderphase als Professor für ukrainischen Literatur am Ukrainian Research Institut der Universität Harvard die Nachfolge von George Grabowicz, dem Nestor der dortigen Ukrainistik, angetreten hat. Auch unser erster Fellow Daryna Gladun hat nach Mitarbeit in unserem Projekt zuerst am Institut für die Wissenschaft vom Menschen in Wien gearbeitet und danach eine Stelle am Dartmouth College und nun an der University of Notre Dame du Lac im US-Bundesstaat Indiana erhalten. Der Gedichtband Radio „Krieg“, den sie während ihres Aufenthaltes an der Universität Potsdam 2022 geschrieben hatte, wurde von unserer Mitarbeiterin Dr. Angela Huber ins Deutsche übersetzt und ist im Dresdner Thelem-Verlag 2024 erschienen. Ihre breite Wirkung in die Berlin-Brandenburgische Öffentlichkeit wurde auch auf Youtube dokumentiert: (https://www.stolperworte.de/daryna-gladun/). Und unser Doktorand Fabian Erlenmaier konnte sein Thema Von der sowjetischen Utopie zur putinschen Telekratie: Ästhetik, Politik und Wissen im Zeichen des Fernsehens in Russland und Osteuropa von den 1960er bis zu den 2020er Jahren auf zahlreichen Fachtagungen im In- und Ausland diskutieren. An der Universität Potsdam beschäftigen wir uns mit den Literaturwissenschaften, während Kulturwissenschaften sowie Wissenschaftsgeschichte an der Viadrina betrieben werden und das Forum Transregionale Studien in Berlin unsere Öffentlichkeitsarbeit macht. Ohne hier in Details gehen zu können, war generell unser Ziel, zur Begriffs- und Theoriebildung beizutragen und eine Reorientierung und Stärkung der Osteuropabezogenen Regionalstudien zu erarbeiten. Durch Jahrestagungen und zahlreiche Veranstaltungen haben wir unsere Ergebnisse regelmäßig in öffentliche Debatten eingebracht. Nach dem Angriffskrieg Russlands gegen die gesamte Ukraine konnten wir gleich zu Beginn der Förderung 2022 durch Fellowships, Gasteinladungen, Konferenzen und Publikationen ganz besonders junge wissenschaftliche und künstlerische Talente aus der Ukraine unterstützen. Das ist bis heute eines unserer Hauptanliegen.

Welche Fragen sollen in den kommenden Jahren angegangen werden und womit wollen Sie persönlich sich beschäftigen?

Durch meine Teilnahme am ASEEES-Kongress 2023 in Boston, wo ich unser BMBF-Projekt European Times (EUTIM) vorstellen konnte, ist der Kontakt zu unserem neuen Postdoc Pavel Golubev entstanden. Er ist aus Philadelphia zu uns gekommen und wird sich in den nächsten drei Jahren mit Lebensgeschichten von queeren Künstlern aus dem Russischen Reich und der Sowjetunion von den 1900er bis zu den 1960er Jahren beschäftigen. Die ersten vier Bände des Tagebuchs des Künstlers Konstantin Somov, der 1923 Russland verließ und 1939 in Paris verstarbt, hat Pavel bereits publiziert. Die letzten zwei Bände von Somovs detailliertem homoerotischen Tagebuch, das seine Jahre in Paris von 1930 bis 1934 umfasst, sollen während des Forschungsaufenthalts in Potsdam abgeschlossen werden. Ergänzt wird dies mit den Lebenszeugnissen von Sergei Kalmykov und Pavel Tchelitchew. Ich selbst werde dieses Jahr am ASEEES-Kongress in Washington teilnehmen und in einem Panel mit Ivan Sokolov (UC Berkeley), Tatiana Krasilnikova (Columbia University) und Carleton Bulkin (Independent Scholar) über Zeitlichkeiten und Neudefinitionen von Geschlecht und Sexualität in der slawischen literarischen Moderne und Avantgarde diskutieren. Gleichzeitig arbeite ich in den nächsten drei Jahren in dem von der Tschechischen Akademie der Wissenschaften geförderten Projekt The Silenced Poet? Jakub Deml’s „Private“ Manuscripts, Letters and Correspondence Network Under Political Censorship in the 1940s and 1950s zusammen mit Prof. Xavier Galmiche von der Sorbonne und einem Dutzend tschechischer Kolleginnen und Kollegen zu einer weiteren Erschließung, teilweise erstmaligen Interpretation seines archivalischen Nachlasses. Seine surrealistischen Traumtexte und kosmischen Visionen haben Zeitkonzeptionen der Avantgarde entscheidend beeinflusst. Zudem arbeite ich mit meiner Kollegin Dr. Angela Huber an einer deutschen Ausgabe des ukrainischen Gedichtbandes Das letzte Abendmahl meines Körpers von Alex Averbuch, der ebenfalls im Thelem-Verlag erscheinen wird. Und ein Antrag für ein Projekt zur Bukowina als supranationale, multilinguale Literatur- und Kulturregion wurde von mir eingereicht und wir hoffen, dass er von der DFG genehmigt wird. Mit dem Shota Rustaveli Institut für georgische Literatur in Tblisi, mit dem Institut für litauische Literatur und Folklore in Vilnius, mit dem Institut für Slawistik der Akademie der Wissenschaften der Tschechischen Republik in Prag und mit dem Institut für Literaturwissenschaft der Vasyl Stefanyk Universität in Ivano-Frankivsk (unser EDUC-Partner) planen wir 2026 die Jahreskonferenz zum Thema Zeiten von Authentizität und Fake in den Gegenwartsliteraturen an der Universität Potsdam.