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07/2023 - Henrik Rose

Henrik Rose (Foto: Götz Liebeck)

Henrik Rose ist der diesjährige Träger des Absolventenpreises. Seine Masterarbeit im Studiengang Astrophysik ist durch besonders innovative Überlegungen und kluge Kombinationen exzeptionell und legt Herrn Roses außergewöhnliches, wissenschaftliches Potenzial offen. Neben seinen beiden Bachelorabschlüssen in Mathematik und Physik und dem gerade erworbenen Master in Astrophysik beendet Herr Rose momentan den Master Theorie und Geschichte der Wissenschaft und Technik an der TU in Berlin. Über seine Studienerfahrungen an der Uni Potsdam und seine Pläne für die Zukunft durften wir mit Ihm sprechen.


Lieber Herr Rose, war es für Sie schon immer klar im Bereich Mathe und Physik zu studieren? Wie kamen Sie zu Ihrem Studium? Wer hat Sie besonders unterstützt? Gab es besondere Hindernisse? Wieso fiel Ihre Wahl u.a. auf die Uni Potsdam?

Die Studienwahl war für mich nie einfach oder klar. Es gibt zu viele Dinge, für die ich mich begeistern kann, insbesondere, wenn sie mir mit Begeisterung nahegebracht werden. Das kann ich nun in meinem Zweitstudium der Wissenschaftsgeschichte ausleben. Gerade würde ich Ihnen etwa viel lieber von der unerwartet ereignisreichen Entwicklung der Archivwissenschaft erzählen. Nur Astronaut wollte ich nie werden. Die Physik hatte ich als Schüler sogar schon hinter mir gelassen. Ich habe dann eher aus einer Verlegenheit mit der Mathematik angefangen, weil ich mir vorgestellt hatte, aus diesem sehr grundlegenden Fach heraus auch die Bereiche erkunden zu können, die in der Schule nicht vermittelt werden. Das war ziemlich naiv, aber auf Umwegen bin ich dann doch in der Physik gelandet und habe meine Begeisterung für Astrophysik entdeckt. Mit der breiten Lehre und den nahen außeruniversitären Forschungseinrichtungen stand die Wahl für Potsdam dann rasch fest. Außerdem brauchte ich wieder ein anständiges Gewässer vor der Nase.

Welche Erinnerungen verbinden Sie mit Ihrem Studium an der Uni Potsdam? Haben Sie gerne an der UP studiert und sich gut betreut gefühlt?

Ich habe Potsdam zunächst nur in Pandemiemodus kennengelernt. Neue Leute am Bildschirm kennenzulernen ist definitiv keine meiner Stärken. Zugleich war ich begeistert davon, wie persönlich sich die Lehre im Master erwies. Im forschungsorientierten Master zu sehen, wo die Grenzen unserer bisherigen Erkenntnisse liegen, hat mich zudem sehr motiviert. Ich habe mit drei Professoren über mögliche Masterarbeiten gesprochen und alle haben mir das Gefühl vermittelt, dass ein Abschlussprojekt echte Relevanz für die Fachgemeinschaft hätte.

Aufgrund Ihrer Masterarbeit mit dem Titel „Constraining Three-Body Interactions with the Einstein Telescope” sind sie mit dem Absolventenpreis 2023 ausgezeichnet worden. Können Sie uns, die gar keine Ahnung vom Thema haben, kurz erklären, was Sie in Ihrer Masterarbeit darlegen konnten?

Im Grunde geht es in meiner Masterarbeit um Atomkerne. Sie bestehen vereinfacht aus Protonen und Neutronen. Wir versuchen, genauere Modelle für ihre Wechselwirkungen zu entwickeln, um etwa zu verstehen, warum manche Kerne radioaktiv zerfallen und andere sich zur Fusion eignen. Dabei stoßen wir auf Fragen und Probleme, die sich weder auf dem Papier lösen noch im Labor untersuchen lassen, weil die benötigten Energien zu hoch sind. Hier kommt die Astrophysik ins Spiel, die die energiereichsten Systeme überhaupt untersucht.

Besonders die „Leichen“ ausgebrannter und massereicher Sterne, sogenannte Neutronensterne, eignen sich als Weltalllabore für die Kernphysik. Sie sind typischerweise etwas schwerer als die Sonne, aber nur so groß wie Potsdam. Mit dieser extremen Dichte ähneln sie Atomkernen. Die Arbeit hat sich nun mit der Frage befasst, wie wir durch geeignete Messungen an Neutronensternen entscheiden können, ob eine theoretisch mögliche Wechselwirkung von drei Neutronen auch in der Natur vorkommt. Diese „geeigneten Messungen“ sind der Nachweis von Gravitationswellen, kleinste Verformungen des Raumes an sich, die beim Ineinanderlaufen von Neutronensternen oder Schwarzen Löchern entstehen. Damit wird aus einer Frage der Kernphysik eine Frage nach messbaren Auswirkungen der Allgemeinen Relativitätstheorie.

Allerdings sind solche Verschmelzungen sehr selten. Um unser Ziel also innerhalb weniger Jahre zu erreichen, brauchen wir sensiblere Detektoren der nächsten Generation. Der europäische Entwurf ist das „Einstein-Teleskop“, das die Verschmelzungen von Neutronensternen in einigen 100 Millionen Lichtjahren registrieren wird. Insofern reihen sich meine Masterarbeit und auch andere Untersuchungen der Gruppe für Theoretische Astrophysik in weltweite Bemühungen ein, den Nutzen von Gravitationswellen für andere Physikbereiche aufzuzeigen.

Die Kombination Ihrer vier Studienfächer wirkt sehr konsistent. Was bedeutet für Sie die Kombination der Fächer Mathematik, Physik, Astrophysik und Theorie der Geschichte der Wissenschaft und Technik?

Es hilft natürlich, Gelerntes aus den verschiedenen Bereichen übertragen und in Bezug setzen zu können. Aber in erster Linie zeugt diese Kombination für mich von der Freiheit, die mein (familiäres) Umfeld mir bei der Wahl von Fachinteressen gelassen hat, deren lebenspraktische Anwendung nicht immer offensichtlich ist.

Gibt es außerhalb des universitären Umfeldes persönliche Interessen, denen Sie regelmäßig nachgehen können?

Ich bin beim Technischen Hilfswerk im hiesigen Ortsverband aktiv und fülle die ehrenvolle Aufgabe des „Stammtischbeauftragten“ bei den Potsdamer Grünen aus. Ansonsten bin ich leidenschaftlicher Brettspieler und Montagabende sind meistens fürs Kneipenquiz reserviert.

Was ist Ihr Geheimnis für so ein erfolgreiches Studium (sogar mehrere Studiengänge gleichzeitig) und dabei Engagement, Freizeit und Familie & Freunde nicht zu vergessen?

Da gibt es kein Geheimnis, nur Privilegien. Ich hatte das Glück, für die Studienförderung der evangelischen Kirchen berücksichtigt zu werden und musste daher nicht neben der Uni arbeiten. Und auch familiäre Verpflichtungen habe ich nicht, dafür aber Freundinnen und Freunde, die mir mit Rat und Tat zur Seite stehen konnten, die noch in der Woche vor Weihnachten meine Fehlannahmen geradebiegen und mich über Zustandsgleichungen von Neutronensternen monologisieren lassen. Selbst wenn die Urheber des WissZeitVG es nicht glauben wollen, hat sich für mich bestätigt, dass die akademische Arbeit um einiges leichter von der Hand geht, wenn man sich so wenige Sorgen um andere Dinge machen muss.

Führt Ihr Weg nun, nach Ihren Masterabschlüssen, Sie weiter in die Wissenschaften der Astrophysik? Und wo sehen Sie sich in fünf Jahren?

Das ist auf jeden Fall der Plan. Ich arbeite gerade an einem Förderantrag, um die methodischen Ansätze meiner Masterarbeit mit mehr Beobachtungskanälen und physikalischer Theorie zu verbinden. Und vielleicht finde ich noch die Zeit, ein paar Fragen der jüngeren Astrophysikgeschichte zu verfolgen, die mir relevant erscheinen.

Haben Sie vielen Dank für dieses interessante Gespräch und alles Gute für Sie!

 


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